Leben. Angst. Platzanweiser in schicken Smokings.

 

Die Tür öffnet sich. Ein Platzanweiser im schicken Smoking begrüßt mich freundlich:

„Herzlich willkommen im Leben!
Wir haben für Sie einen Platz in Reihe 746.394 reserviert. Auf Ihrem Sitz befindet sich ein detaillierter Plan mit den Zielen, die für Sie vorgesehen sind. Aufgeführt werden vor allem Ihre bestmögliche Familienplanung und Ihr passendes Sozialleben, sowie Ihre allgemeinen Interessen und der Berufsweg, der zu Ihren individuellen Charakterzügen und Ihren finanziellen Vorstellungen passt.
Ihre Sitznachbarn wurden ebenfalls bereits für Sie ausgewählt und ergänzen Ihr Leben besonders gut.

Sollten Sie noch zögern, denken Sie an unser Garantieversprechen:
Wenn Sie im Alter an Ihren Lebensweg zurück denken, werden Sie zufrieden und erfüllt sein. Garantiert.

Wir wünschen (und garantieren!) Ihnen eine gute Reise.

Ein vorbestimmtes Leben mit Zufriedenheitsgarantie.
Eine absurde Vorstellung. Immerhin haben Generationen vor mir dafür gekämpft, das eigene Leben selbstbestimmt und frei gestalten zu können. Und natürlich ist dies etwas Gutes. Ich muss nicht Küchenmagd werden, weil meine Mutter Küchenmagd war. Ich muss auch nicht den Mann heiraten, der mir vorgegeben wird oder so viele Söhne wie möglich zur Welt bringen.
Mein Lebensweg ist nicht von meiner Herkunft abhängig, wird nicht über meinen Kopf hinweg entschieden. Ich darf meinen Partner, meine Freunde und meinen Beruf selbst auswählen.
Ich kann alles erreichen, wenn ich nur genug will. Und ein bisschen Glück sowie den nötigen Intellekt dazu habe.

Aber was ist dieses „alles“? Will ich einen Beruf ergreifen, in dem ich die Welt verändern kann? Oder einen, mit dem ich steinreich werden und mir eine Villa auf Malle leisten kann? Sind Beruf und Einkommen überhaupt wichtig oder nur dafür da, mir ein Überleben zu sichern?
Wird es mich erfüllen, irgendwann Kinder zu bekommen und sie aufwachsen zu sehen? Oder ziehe ich mehr Zufriedenheit daraus, durch die Welt zu reisen und alle möglichen verrückten Erfahrungen zu machen? Gibt es da auch einen Mittelweg?

Im Prinzip sind das alles nur jämmerlich umformulierte Fragen nach dem Sinn des Lebens. Die mir niemand beantworten kann.
Der Kalenderspruch sagt: „Der Sinn des Lebens liegt darin, dem Leben einen Sinn zu geben.“
Schön gesprochen, aber gibt es da auch eine Anleitung für? Nein? Schade.

Natürlich bin ich noch jung. Ich habe noch Zeit, über meine Zukunft nachzudenken und den passenden Weg für mich zu finden.
Aber niemand garantiert mir, dass ich das auch schaffe. Steigendes Alter bedeutet nicht unbedingt steigende Sicherheit in seinen Entscheidungen. Es gibt nicht für jeden diesen einen Punkt im Leben, in dem er sagt: „Ja, ich bin bei mir angekommen. Ich weiß genau, was ich will. Und ich weiß genau, wie ich das erreiche.“
Und ich habe Angst, nicht zu den Glücklichen zu gehören, die diesen Punkt erreichen. Ich habe Angst, für immer zweifeln zu müssen. Für immer das Gefühl zu haben, dass irgendetwas nicht passt. Dass ich mich anders hätte entscheiden sollen.
Leben fühlt sich manchmal so unendlich kostbar an, weil es endlich ist. Weil es nur eine einzige Chance gibt, es mit den Dingen zu füllen, die wirklich wichtig sind. Wenn ich mit 83 erkenne, dass ich es vermasselt habe, ist es zu spät.

Man mag es albern oder übertrieben finden, dass ich mit Anfang 20 schon eine solche Angst vor einer so weit entfernten Zukunft habe.
Und ich versuche auch immer wieder, diese Ängste zu bekämpfen, sie abzulegen. Im Jetzt zu leben. Ich weiß, dass Sorgen über die Zukunft einem vor allem den Moment verderben.
Aber wenn ich mich nicht um mein Leben sorge, wer tut es dann?
Wenn ich nicht selbst meinen Platz im Leben finde, wird es für mich keinen geben. Ich glaube nicht an eine höhere Macht.
Und an einen freundlichen Platzanweiser im schicken Smoking leider auch nicht.

 

 

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Ein Kommentar zu “Leben. Angst. Platzanweiser in schicken Smokings.

  1. Den „Sinn“ des Lebens findet man IMHO nicht – man sollte wagen, ihn sich selbst zu geben! Das geht wohl am besten, indem man für sich – zunächst unabhängig von finanziellen Erwägungen – eine Sache findet, mit der man sich gerne und leidenschaftlich beschäftigt. Seine Talente einsetzen und sich immer weiter verbessern kann. Und in der man so mit einem guten Teil seines gesamten Wesens „aufzugehen“ vermag. Viele scheuen sich vor der Mühe und haben Angst vor den auch unangenehmen Konsequenzen, die so ein (nach)denkender und suchender Kopf in dieser Stromlinien-Gesellschaft mit sich bringen kann. Diese „Denke“ wird durch Eltern, Schule & Ausbildung ja auch aller meistens erfolgreich aberzogen. Aber die, die die Freiheit, die wir dankenswerterweise in unseren Breitengraden genießen, genutzt haben und wenigstens versucht haben, sich gegen den reinen „Arbeits-Konformismus“ zu stemmen, haben am Ende aus ihrem Leben etwas gemacht.

    Und wenn man ein wenig Glück hat (es will ja bekanntlich den Weg bereitet haben), kann man von dem, was man denn als für sich sinnvolle Beschäftigung gefunden hat, sogar auch Leben. Vielleicht nicht (immer) in Saus und Braus, aber in Zufriedenheit. Ich glaube, darum geht es letztendlich!

    Steve Jobs hat dafür einmal in seiner „Stanford-Rede“ beeindruckende Worte gefunden:
    «Sucht, was euch am Herzen liegt»
    Video und Text unter http://www.ifrick.ch/2011/10/steve-jobs-stanford-rede-als-deutscher-text

    Ich wünsche Dir viel Glück & Erfolg bei Deiner weiteren Suche – ich bin mir sicher, das wird schon! ❤

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